Das Geiseldrama von Gladbeck

Silke Bischoffs letzter Sommer

Von Sky Lounge

Version vom 11.12.2019

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Das veröffentlichte Material dient ausschließlich der persönlichen Information.


Silke Bischoff, gemalt von ihrer Mutter.


Einführung

  

„Das Geiseldrama von Gladbeck und Bremen mit seinen tragischen Folgen hat wie kaum ein anderes Verbrechen der bundesdeutschen Kriminalgeschichte Betroffenheit und Anteilnahme in der Bevölkerung hervorgerufen.“

(Bremische Bürgerschaft, Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses, 27.10.1989)

 

„Menschliches Versagen und Sensationsgier der Medien haben zu dieser Tragödie beigetragen.“

(Gedenktafel für Silke Bischoff an der Autobahn A3 bei Bad Honnef / Aegidienberg)

 

„Es war das Unglück der blonden Silke Bischoff, dass sie in Dieter Degowski einen Mann traf, der erst mit der Waffe in der Hand seine Hemmungen bei Frauen überwand und sich mit ihr das schönste Mädchen im Bremer Bus als persönliche Geisel auserkor.

Und es war das Zusammentreffen von übersteigertem Geltungsdrang der Täter und hemmungsloser Sensationsgier von Journalisten, das die Gladbecker Geiselnahme zum öffentlichsten Gewaltverbrechen der letzten Jahre machte.“

(Der Spiegel 26/1989, Seite 66)  

 

Ein missglückter Bankraub.

Eine Flucht mit Geiseln.

Ohne Plan. Ohne Ziel.

Drei Menschen kommen ums Leben.

Und alle haben zugesehen...

 

Das Geiseldrama von Gladbeck ist ein deutsches Trauma und die Erinnerung tut auch nach Jahrzehnten immer noch weh. Denn hier gibt es kein Happy End und keine Helden, sondern nur Verlierer. Und im Verlauf dieser Ereignisse sterben zwei unschuldige, wehrlose Teenager, die einfach zur falschen Zeit am falschen Ort waren – zufällige, sinnlose Opfer. Auch ein Polizist kommt während der Verfolgung der Täter ums Leben.

 

Gladbeck ist eine der großen Tragödien der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte, die einfach nur schockiert und fassungslos macht.

 

Die Bilder von damals haben sich tief in das kollektive Gedächtnis eingebrannt: Der Anführer der Geiselnehmer, der am Bremer Busbahnhof eine improvisierte Pressekonferenz abhält und sich dabei den Lauf seiner Pistole in den Mund steckt. Die 18-jährige Silke Bischoff, das Gesicht dieser Tragödie, die von einem der Gangster ständig mit der Waffe bedroht wird. Dieses bewundernswerte Mädchen, das so hilflos und doch so tapfer diese lebensgefährliche, nicht enden wollende Bedrohung erträgt. Ihre großen, weit aufgerissenen Augen, die ungläubig und fassungslos das Geschehen um sie herum betrachten: Ein Engel in der Gewalt von Verbrechern.

 

Das Schicksal von Silke Bischoff ist an Tragik nicht zu überbieten, denn beim finalen Schusswechsel auf der Autobahn rettet sie ihrer besten Freundin noch das Leben, sie selbst aber stirbt durch eine Kugel direkt ins Herz. Kein Drehbuchautor hätte sich ein solches Ende ausdenken dürfen – er wäre von der Kritik in der Luft zerrissen worden. Doch leider ist die Wirklichkeit manchmal dramatischer als jedes Drehbuch.

 

Gladbeck ist bis heute ein Synonym für das Versagen von Polizei und Presse:

  • Die Polizei hat versagt, weil sie verschiedene gute Gelegenheiten zum Zugriff und damit zur Beendigung der Geiselnahme ungenutzt verstreichen ließ und dann mit einer verstörenden Rücksichtslosigkeit gegenüber dem Leben der Geiseln doch noch zugeschlagen hat – mit dem Tod von Silke Bischoff als folgenschwerer Konsequenz.
  • Die Presse hat versagt, weil sich die Journalisten hier als sensationsgeile Bluthunde entlarvt haben, die für ein gutes Foto oder eine gute Story alle ethischen und moralischen Grenzen überschreiten („Kannst du der Geisel nochmal die Pistole an den Kopf halten? Ich hab das Foto noch nicht“).  

Die Ereignisse vom 16. bis 18. August 1988, vom Überfall auf die Bankfiliale in Rentfort-Nord bis zum blutigen Ende auf der Autobahn A3 bei Bad Honnef, sind bereits in mehreren Fernsehdokumentationen und zuletzt in dem ARD-Zweiteiler „Gladbeck“ im März 2018 ausführlich behandelt worden. Es gibt auch einen Roman mit dem Titel „Ein deutscher Sommer“, der sich mit dem Fall befasst. 

 

Aber Gladbeck ist auch die Geschichte einer Freundschaft – der Freundschaft zwischen Silke Bischoff und Ines Voitle, die durch Silkes gewaltsamen Tod jäh beendet wurde. Davon soll hier die Rede sein, denn der Ablauf des Geiseldramas am 17. und 18. August 1988 ist ohne das Wissen um die Freundschaft der beiden Mädchen unverständlich. Und wer sich fragt, warum Ines bis zum bitteren Ende der Tragödie dabei war, obwohl es die Gangster nie auf sie abgesehen hatten und sie nur selten direkt mit der Waffe bedrohten, erfährt nachfolgend die Antwort.

 

Ein weiterer Schwerpunkt ist das Leben von Silke Bischoff, einem Mädchen aus einfachen Verhältnissen, wie es sie millionenfach gibt. 

 

Doch ihr Schicksal ist einzigartig und unbegreiflich.

 

Ihrem Andenken ist diese Seite gewidmet.

Autobahn A3 am Aegidienberg: Etwa zwei Wochen nach Silkes Tod

besuchen ihre Mutter und ihr Stiefvater den Ort, wo sie starb.

Wie Schwestern

 

Zunächst ein Blick zurück auf die Lebensgeschichte der beiden Mädchen, die einige Gemeinsamkeiten aufweist: Eine nach allgemeinen Maßstäben glückliche Kindheit bleibt beiden verwehrt, denn sowohl Silke Bischoff als auch Ines Voitle wächst ohne Vater auf.

 

Der Vater von Ines stirbt, als sie 3 Jahre alt ist, und mit dem neuen Mann im Leben ihrer Mutter versteht sie sich später nicht besonders gut.

 

Silke ist die Tochter eines Seemannes, der nach einigen Jahren Kapitän der Handelsmarine wird. Ihre Mutter Karin arbeitet in einer Drogerie. Trotz des gemeinsamen Kindes möchte das Paar nicht heiraten. Der Vater fährt weiter zur See und schickt Silkes Mutter zwar regelmäßig Geld, darüber hinaus kümmert er sich aber nie wirklich um seine Tochter.

 

Als Silke 5 Jahre alt ist, heiratet ihre Mutter einen anderen Mann, der einen Sohn mit in die Ehe bringt. Die Familie zieht in eine Hochhauswohnung in der Neubausiedlung Blockdiek, aber Silke liebt die Natur und sie will unbedingt im Einfamilienhaus ihrer Großeltern am anderen Ende der Stadt bleiben, wo es einen großen Garten gibt und sie ein eigenes Zimmer bekommt.

Die 5-jährige Silke mit Cowboyhut (links) und ein Jahr später, am 1. Schultag (rechts), jeweils mit ihrem Stiefbruder.

Diese komplizierten Familienverhältnisse erweisen sich für Silke als Glücksfall: Bei ihren Großeltern erfährt das kleine Mädchen Liebe und Geborgenheit. Besonders Heinrich Bischoff, ein pensionierter Polizeibeamter, liebt seine Enkelin sehr. Später gilt die folgende Vereinbarung: Silke kann mietfrei bei ihren Großeltern wohnen, dafür kümmert sie sich um die beiden Senioren, und wenn sie einmal gestorben sind, soll sie das Haus erben.

 

Sowohl Silkes Großeltern als auch die Familie von Ines wohnen in Kattenesch im grünen Süden Bremens und nur wenige Gehminuten voneinander entfernt. Als beide Mädchen 7 oder 8 Jahre alt sind, lernen sie sich zufällig beim Rollschuhlaufen auf der Straße kennen. Sie freunden sich an, spielen zusammen. Sie streiten sich, versöhnen sich wieder. Sind bald unzertrennlich.

 

Ines beschreibt heute ihre Freundschaft mit Silke wie folgt: „Wir waren wie Schwestern, wir verstanden uns ohne Worte.“

Bremen: Silke Bischoff und Ines Voitle im Alter von 8 Jahren bei Ines zuhause.

Beide Mädchen lieben Tiere und sie gehen immer wieder zusammen reiten. Ines macht ihre Liebe schließlich zum Beruf: Sie lernt Verkäuferin in einer Bremer Zoohandlung. Silke macht noch während ihrer Schulzeit ein Praktikum bei einem Tierarzt, doch sie ist für diesen Beruf zu sensibel: Sie kann den Anblick verletzter und leidender Tiere nicht ertragen und sie kommt oft weinend nach Hause.

 

So beginnt sie stattdessen kurz vor ihrem 18. Geburtstag eine Ausbildung zur Anwaltsgehilfin bei der Staatsanwaltschaft im Amtsgericht Bremen. Der Rechtsanwalt Gerold Bischoff, ein Onkel von Silke, mag zu dieser Berufswahl beigetragen haben. Zuvor hat sie nach der Mittleren Reife die einjährige Höhere Handelsschule absolviert, wo sie zeitweise sogar die Klassenbeste ist.

Silkes Alltag

  

Als Kind verbringt Silke Bischoff die Wochenenden meistens mit ihrer Mutter, ihrem Stiefvater und ihrem gleichaltrigen Stief-bruder, mit denen sie sich gut versteht. In Rethem an der Aller steht auf einem Campingplatz der Wohnwagen der Familie, und an schönen Sommertagen schwimmen sie im Fluss.

 

Als Jugendliche ist Silke in ihrer Freizeit oft beim Reitclub Heiligenrode anzutreffen. Sie liebt das Reiten, denn es entspannt sie und gibt ihr Kraft für den Alltag. Mit Freunden besucht sie gelegentlich die Disco und manchmal raucht sie Zigaretten der Marke L&M.

Die 18-jährige Silke an Weihnachten (links) und Silvester 1987 (rechts). Ihr letzter Jahreswechsel.

Silke bewohnt im Haus ihrer Großeltern in einem Anbau ein holzgetäfeltes Zimmer mit Heimorgel, Yuccapalme, Schminktisch und einem schwarzen Ledersofa, auf dem ihr Teddybär aus der Kinderzeit sitzt.

 

An Werktagen steht sie morgens gegen 6:20 Uhr auf und holt in ihrem weißen Morgenmantel die Tüte mit den frischen Brötchen an der Haustür ab, die der Bäcker dort deponiert hat. Anschließend gibt sie ihren Großeltern einen Guten-Morgen-Kuss, summt ihr Lieblingslied „Que sera, sera…“ und macht in ihrem Zimmer auf dem Teppich ihre Morgengymnastik. Nach dem Duschen nimmt sie ein karges Frühstück zu sich, dann macht sie sich an ihrem Schminktisch zurecht, verabschiedet sich von Oma und Opa und verlässt ungefähr um 8:00 Uhr das Haus.

 

Die Bremer Justiz hat gleitende Arbeitszeit und Silkes Arbeitstag als Auszubildende beginnt zwischen 8:00 und 9:00 Uhr morgens. Zunächst geht sie zur Bushaltestelle, dann fährt sie mit dem Bus der Linie 53 bis zur Haltestelle Huckelriede und von dort mit der Straßenbahn in die Innenstadt. Im zweiten Stock des Amtsgerichts Bremen, Zimmer 245, Abteilung Zivilsachen, tippt sie Protokolle und Aktennotizen. Manchmal darf sie schon bei kleineren Prozessen Protokoll führen.

 

Im August 1988 beginnt ihr zweites Ausbildungsjahr und Silke verdient monatlich 500,- DM netto. Sie muss zuhause nichts abgeben, im Gegenteil: Ihre Eltern und Großeltern stecken ihr gelegentlich Geld zu. Am liebsten gibt sie ihr Vermögen für schwarze Klamotten und Modeschmuck sowie für Zeichenmaterial aus, denn Silke zeichnet und malt gerne, sie ist künstlerisch begabt.

 

Silke ist ein sensibles und zugleich selbstbewusstes Mädchen mit Charisma; sie ist hübsch und klug. Und natürlich sind die Jungs hinter ihr her. Ein paar Jahre später hätte sie sich mühelos einen Anwalt oder Richter angeln können. Denn Silke achtet sehr auf ihr Äußeres, sie schminkt sich sorgfältig und sie möchte unbedingt schlank bleiben; deshalb hängt an der Pinnwand in ihrem Zimmer ein strenger Diätplan, den sie selbst mit der Hand geschrieben hat. Er lautet wie folgt:

Morgens

1 Apfelsine

2 Zwiebäcke

1 Tasse Kaffee

Mittags

1 Apfelsine

2 Zwiebäcke

1 Ei

1 Tasse Kaffee

Abends

2 Tomaten

2 Eier

1/2 Kopfsalat

2 Zwiebäcke


Andererseits schlemmt Silke auch leidenschaftlich gerne und bei einer Portion Krabben kann sie sich geradezu vergessen. Sie scheint also ihre eigenen Diätvorschriften nicht immer so tierisch ernst zu nehmen...

 

Silke liebt Modeschmuck und wie jedem Mädchen gefällt es auch ihr, sich geschminkt, gestylt und geschmückt fotografieren zu lassen. Ihr Stiefbruder Thomas ist meistens der Fotograf. Während dieser Shootings entstehen einige bemerkenswerte Aufnahmen, die Silke mit ihrer natürlichen, dunklen Haarfarbe zeigen. Die Redakteure der Zeitschrift „Stern“ waren von einem dieser Fotos so begeistert, dass sie schrieben, Silke erinnere sie an „die junge Christine Kaufmann“. Oder die künftige Gattin eines Richters oder Staatsanwaltes, wie ich meine.

Silke posiert im Alter von 18 Jahren ganz lässig mit Fluppe in der Hand.

Irgendwann Anfang des Jahres 1988 beschließt Silke, sich ihre dunklen Haare hellblond färben zu lassen. „Ich möchte mal meinen Typ verändern“, erklärt sie ihrer Mutter. Und weil Silke am liebsten schwarze Kleider trägt, kommt ihre neue Haarfarbe durch den Kontrast noch besser zur Geltung.

 

Seit sie volljährig ist, entwickelt sich Silke immer mehr zur Disco-Maus. Im Februar oder März 1988 lernt sie in der Diskothek „Stubu“ in der Bremer Altstadt ihre große Liebe kennen. Kurz zuvor hat sie mit ihrem ersten festen Freund, dem biederen Holger, Schluss gemacht. Dann trifft sie zufällig den gleichaltrigen Henrik. Sie unterhalten sich und schon bei den ersten Sätzen verlieben sich die beiden ineinander.

 

Henrik ist ein unkonventioneller Typ mit vielen Silberketten um den Hals, 20 Silberarmbändern am Arm und sechs Ohrringen. Und er trägt seine Haare bis zu den Schultern.

 

Silke hat den Mann ihres Lebens gefunden. Ihre Mutter erzählt: „Sie wollte den oder keinen. Den hat sie geliebt. Ja, sie wollte ihn heiraten.“

 

Henrik bewohnt mit seinem älteren Bruder eine Dachwohnung und schläft auf einer Matratze auf dem Boden. Auch er trägt am liebsten schwarze Klamotten. Mit ihm hört Silke ihre Lieblingsmusik: Madonna und Michael Jackson. Sie joggen auch zusammen und gehen gerne Hand in Hand spazieren, irgendwo, wo sie nicht so viele Leute treffen. Im nächsten Jahr wollen beide in seiner Wohnung, die er gerade renoviert, zusammenziehen.

 

Henrik erzählt nach Silkes Tod: „Früher bin ich viel rumgezogen. Silke hat mich verändert. Sie hat mich ruhig gemacht. Am liebsten sind wir zuhause geblieben, allein mit uns zweien.“

 

Silkes Großeltern stören sich zwar an Henriks „alternativem“ Aussehen, aber was soll man machen? Silke liebt diesen Jungen, deshalb halten sie sich da raus. Und sie nimmt die Antibabypille. 

 

An den Wochenenden feiert Silke nun gerne mit ihrem Henrik bis in die Morgenstunden in der Disco. Eine Mitarbeiterin im Amtsgericht Bremen erzählt: „Silke war eine Langschläferin, darum kam sie meistens erst um 9.00 Uhr, obwohl es bei uns Gleitzeit gibt. Montags hatte sie immer dunkle Ränder unter den Augen“ – die sie mit Schminke geschickt zu tarnen versteht.

 

Als Silkes Arbeitskolleginnen sich einmal über Henriks lange Haare mokieren, sagt sie nur: „Mein Gott, ihr seid aber konservativ!“

 

Am Samstag, dem 9. April 1988, sieht Silke gemeinsam mit ihrer Mutter im Fernsehen einen Bericht über die Entführung eines kuwaitischen Flugzeuges nach Zypern, bei der eine erschossene Geisel auf die Rollbahn geworfen wird. Silke fragt daraufhin: „Was würdet ihr machen, Mama, wenn ich das wäre? Mama, wenn ich tot bin, werdet ihr mich dann auch noch liebhaben?“ Silkes Mutter wundert sich über die düsteren und scheinbar völlig aus der Luft gegriffenen Gedanken ihrer Tochter.

 

Silke Bischoff und Ines Voitle sind beide 18 Jahre alt, als sie an jenem verhängnisvollen 17. August 1988 gegen 18:50 Uhr an der Bushaltestelle Huckelriede in den Bus der Linie 53 in Richtung Kattenesch einsteigen. Bis zu diesem Abend ist Silke ein glückliches Mädchen; sie hat mit Henrik ihre große Liebe gefunden und auch beruflich läuft es vielversprechend. Ines ist zu diesem Zeitpunkt ebenfalls in festen Händen; ihre Jugendliebe wird sie wenige Jahre später heiraten. 

 

In drei Wochen will Silke ihren 19. Geburtstag feiern, zusammen mit Ines und ihrem Liebsten.

 

Doch an diesem Abend werden die beiden Mädchen in einen Strudel von Ereignissen hineingezogen, die Silke das Leben kosten und Ines für den Rest ihres Lebens traumatisieren werden.

 

Nichts wird mehr so sein wie zuvor.

Ein Horrortrip als Roadmovie

 

Zur falschen Zeit am falschen Ort. Das ist alles.

 

An diesem warmen Sommerabend sitzen also beide Mädchen, wie so oft, im Bus und warten auf seine Abfahrt. Sie blättern in der neuen „Bravo“ und freuen sich auf einen gruseligen Abend bei Ines zu Hause, denn sie wollen dort eine Videokassette mit einem Horrorfilm anschauen. Dass am Tag zuvor im fernen Gladbeck ein Banküberfall mit Geiselnahme stattgefunden hat und dass die flüchtigen Täter mitsamt ihren Geiseln bereits stundenlang in Bremen unterwegs sind, haben Silke und Ines noch gar nicht erfahren.

 

Die Bankräuber Hans-Jürgen Rösner, 31, und sein 32-jähriger Kumpel Dieter Degowski betreten kurz nach 19:00 Uhr, gemeinsam mit Rösners Freundin Marion Löblich und zwei Gladbecker Bankangestellten als Geiseln, mit vorgehaltenen Pistolen den Bus, in dem auch Silke Bischoff und Ines Voitle sitzen. Rösner verkündet den Fahrgästen, dass sie ab sofort Geiseln sind. 

 

Es folgt eine Odyssee wie in einem schlechten Krimi. Doch die Geschehnisse sind traurige Realität: Ein Horrortrip als Roadmovie, vom Fernsehen und Radio live übertragen.

Bremen, 17.08.1988: Silke und Ines im gekaperten Bus.

Silke ist dezent geschminkt, sie trägt silberne Creolen-Ohrringe und Armreife, eine Schildpattspange im nach hinten gesteckten Haar, ein langärmeliges, schwarzes Oberteil und einen langen, schwarzen Faltenrock. Degowski betrachtet die Fahrgäste und wird dabei schnell auf das blonde Mädchen mit dem Engelsgesicht aufmerksam, das im normalen Leben unerreichbar für ihn wäre.

 

Obwohl er Frauen gegenüber normalerweise äußerst misstrauisch ist und auch noch nie eine feste Freundin hatte, findet Degowski gleich Gefallen an Silke. Dieses Mädchen hat etwas, das ihn fasziniert und zu ihr hinzieht… Vielleicht ist es ihr ausgeglichenes Wesen: Silke ist mit sich im Reinen und ruht in sich selbst, denn sie liebt und sie wird geliebt. Das gibt innere Sicherheit. Es ist etwas, das Degowski sein ganzes Leben lang so schmerzlich vermisst.

 

Im Prozess vor dem Landgericht Essen schildert er ihre erste Begegnung wie folgt: „Die Silke ist mir sofort aufgefallen. Ich konnte sie gut leiden.“ Auch Rösner erinnert sich nachher, „dass dem Dieter die Silke sehr gefiel“.

 

Degowski starrt das hübsche Mädchen in der sechsten Reihe immer wieder an. Irgendwann erwidert Silke den Augenkontakt und lächelt – vielleicht aus Angst, vielleicht aus Verlegenheit. Degowski scheint auf diesen Moment gewartet zu haben, er reagiert sofort und richtet seine ersten Worte an sie: „Dich nehm ich mit.“

 

Ines versucht daraufhin, Silke zu beruhigen. Sie flüstert ihr zu: „Der nimmt dich nicht mit. Der spinnt doch.“ 

 

Degowski sucht nun immer öfter das Gespräch mit Silke, die sich gezwungenermaßen mit ihm abgeben muss, denn er fuchtelt immer wieder drohend mit seinem Revolver herum. Ab sofort ist das schönste Mädchen im Bus Degowskis persönliche Geisel, die er nicht mehr aus den Augen lässt. Die Gladbecker Bankangestellte Andrea Blecker, die von ihm zuvor pausenlos mit dem Revolver bedroht wurde, ist dagegen erleichtert: „Als er Silke sah, ließ er mich in Ruhe.“

 

Nachdem alle Versuche der Kidnapper, mit der Polizei direkt zu verhandeln, gescheitert sind, setzt sich der Bus gegen 21:50 Uhr in Bewegung und fährt auf die Autobahn. Polizei und Presse liefern sich ein Wettrennen um die besten Plätze bei der Verfolgung. Der Bremer Polizeibeamte Ingo Hagen, 31 Jahre, verunglückt dabei mit seinem Auto tödlich.

 

Während der nächtlichen Busfahrt setzt sich Degowski zu Silke und beide unterhalten sich über längere Zeit. 

 

An der Raststätte Grundbergsee hält der Bus und Rösners Freundin Marion Löblich geht mit einigen Geiseln zur Toilette. Degowski präsentiert sich mit seiner Geisel Silke Bischoff stolz wie ein Jäger mit seiner Beute: Besitzergreifend packt er Silkes Pferdeschwanz, zieht ihr den Kopf in den Nacken und hält ihr seine Waffe an den Hals. „Als Silke danach wieder in den Bus kam, war sie sichtlich fertig und ganz still. Ich hielt ihre Hand”, erzählt Ines später.

Raststätte Grundbergsee, 17.08.1988: Dieter Degowski und Silke Bischoff.

Journalisten und Fotografen sind dem Geschehen meistens näher als die Polizei und ihnen fehlt jegliche Distanz zu den Tätern und dem Tatgeschehen. Jeder von ihnen ist auf der Jagd nach dem besten Foto oder der tollsten Story. Das Privatfernsehen der Bundesrepublik steckt in diesen Jahren noch in den Kinderschuhen, entsprechend groß ist der Konkurrenzdruck.

 

Als Marion Löblich von der Polizei verhaftet wird, erschießt Degowski im Bus den 14-jährigen italienischen Jungen Emanuele De Giorgi, der seine kleine Schwester, die 9-jährige Tatiana, beschützen wollte. Degowskis eiskalter Kommentar: „Ich seh gern Gehirn spritzen!“ Löblich kommt frei und während der nächtlichen Fahrt passiert der Bus um 2:28 Uhr die holländische Grenze. In Oldenzaal werden nach einer kurzen Schießerei mit der niederländischen Polizei fast alle Geiseln freigelassen oder sie können fliehen.

  

Die letzten Geiseln für die weitere Flucht sind Silke Bischoff und Ines Voitle, die ihre beste Freundin nicht im Stich lassen will: „Ich musste mit, sonst wäre Silke durchgedreht. Sie ist ganz weich. Ich kenne Silke sehr gut. Ich bin mit ihr zehn Jahre lang befreundet gewesen. Wir haben uns über ihren Freund und über meinen Freund unterhalten. Ich habe immer wieder gesagt: Wir kommen da wieder raus. Ich habe ihr immer wieder Mut gemacht. Ich habe gesagt, Silke, es geht alles gut. Sie hat mir das geglaubt und war so froh, dass ich bei ihr war.“

 

Degowski verrät seinem Kumpel Rösner: „Mit der Silke hab ich noch was vor.“ Hat er mit diesen vieldeutigen Worten Silkes Vergewaltigung angekündigt? Dazu ist es glücklicherweise nie gekommen; entweder hat nachher die Anwesenheit zweier weiterer Frauen im Auto Silke vor diesem Schicksal bewahrt oder Degowski war einfach ein bisschen in sie verliebt und sein schlichtes Gemüt hat sich irgendeine Form von „gemeinsamer Zukunft“ als Wunschtraum zusammenfantasiert.

 

Mit einem BMW als Fluchtwagen geht die Fahrt zurück nach Deutschland. Gegen 10:50 Uhr trifft der Wagen in der Kölner Fußgängerzone ein und wird schnell von der Presse und Passanten belagert.

Drive-in für Voyeure in Köln

 

Spätestens seit dem Mord an Emanuele De Giorgi wissen alle, dass Degowski brandgefährlich ist und dass Silke, die von ihm ständig mit dem Revolver bedroht wird, in akuter Lebensgefahr schwebt. Trotzdem fragen sie die Pressevertreter in Köln immer wieder, wie es ihr geht. Silke macht gute Miene zum bösen Spiel, sie antwortet klug und diplomatisch, aber zugleich scheint sie auch eine schreckliche Vorahnung zu haben.

 

Selbst Geiselnehmer Hans-Jürgen Rösner, der am Steuer des Fluchtfahrzeugs Interviews gibt, spürt Silkes Entsetzen, hat „das Gefühl, dass sie irgendetwas Schreckliches wittert“. Denn etwas später fragt sie die Kidnapper sogar resigniert: „Warum gerade ich?“ 

 

Für Silke ist der Aufenthalt in Köln ein kräftezehrendes Wechselbad der Gefühle: Zunächst ist sie in Hochstimmung, als der BMW in die Fußgängerzone rollt und schnell von Passanten und Reportern umringt ist. Was kann ihr jetzt schon noch passieren, bei all den Menschen in ihrer Nähe? Nun muss doch die Freilassung unmittelbar bevorstehen… Filmaufnahmen zeigen sie für einen kurzen Moment lachend und scheinbar unbeschwert.

Köln, 18.08.1988: Silke scheint für einen Moment entspannt.

Doch je länger das Auto in der Fußgängerzone steht, umso mehr wird ihr klar, dass hier nur ein absurdes Straßentheater, quasi ein Drive-in für Voyeure, und ihre öffentliche Zurschaustellung stattfindet – jeder möchte einen Blick auf die schöne Geisel mit der Waffe am Hals werfen – und dass ihr niemand helfen kann oder will. Silke fällt in tiefe Verzweiflung und ist den Tränen nahe.

Köln, 18.08.1988: Silke ist tief verzweifelt.

Die Geiselnahme beginnt nun für Silke unerträglich zu werden: Sie weint still vor sich hin, wenn Degowski sie berührt und seinen Revolver auf ihre Brust legt. Sie erstarrt vor Angst, wenn er sie durchdringend anblickt. Fotografen und Kameraleute halten diese Momente für die Ewigkeit fest. Oder die tief bewegende Szene, als Silke mit Tränen in den Augen und verzweifeltem, hilfesuchendem Blick die Fragen eines RTL-Reporters beantwortet… So viele Menschen um sie herum, und doch kann ihr niemand helfen…

Köln, 18.08.1988: Degowski begrabscht Silke immer wieder.

Deutschland ächzt gerade unter der nächsten Hitzewelle in diesem heißen Sommer, die auch das Geiselauto immer weiter aufheizt. Degowski ist, wie alle Insassen des BMW, übermüdet, verschwitzt und nervös. Die unüberschaubare Menschenmenge um das Auto herum verunsichert ihn zusätzlich. Wie viele Polizisten in Zivil sind wohl darunter? Er sichert und entsichert seinen Revolver fast pausenlos. Klick. Klack. Klick. Klack. Und was ist, wenn seine Knarre aus Versehen losgeht? Sie ist die ganze Zeit auf Silke gerichtet. Das hübsche Mädchen, das die Aufmerksamkeit der Fotografen und Kameraleute fast magisch anzieht, wäre dann tot.

 

Und Ines? Die unauffällige, aber robustere der beiden Geiseln sitzt hinten rechts neben Degowski im Auto und raucht hin und wieder eine Zigarette, wie alle Insassen außer Silke. Beide Mädchen reden kaum miteinander, aber sie suchen gelegentlich den Augenkontakt, um sich auf diesem Weg gegenseitig Mut zu machen. Ines wird von den Gangstern die meiste Zeit nicht direkt bedroht. Später erzählt sie über Köln: „Die Journalisten hatten immer die gleichen Fragen: Wie heißen Sie? Wie alt sind Sie? Wie geht es Ihnen? Haben Sie Angst? So ging das über eine Stunde.“

 

Der Journalist Udo Röbel bietet sich an, das Geiselauto in Richtung Autobahn zu lotsen, und zwängt sich auf den Rücksitz neben Silke. Degowski nutzt die Gelegenheit und legt seinen Arm um Silkes Schulter, um sie an sich zu drücken. Mit der anderen Hand hält er ihr seinen Revolver an den Hals. Das Mädchen zittert am ganzen Körper und Röbel glaubt, dass Silke diese Tortur „noch maximal drei Stunden durchhält“.

 

Nach einer kurzen Autobahnfahrt hält der Wagen an der Raststätte Siegburg zum Auftanken und für einen Toilettengang. Der Journalist Röbel wird freigelassen.

 

Etwa 20 Minuten vor dem Zugriff der Polizei entstehen hier die letzten Fotos von Silke Bischoff, als sie, von Rösner mit der Waffe begleitet, zum Auto zurückgeht: Wir sehen ein verzweifeltes Mädchen mit hängenden Schultern, das sich seinem Schicksal zu ergeben scheint.

 

Hat Silke gespürt, was auf sie zukommt? Dass es für sie kein Entkommen gibt und sie bis zum bitteren Ende hoffnungslos in diese Situation verstrickt ist?

Raststätte Siegburg, 18.08.1988: Rösner und Silke gehen zurück zum Auto.

Tödliches Finale am Aegidienberg

 

Die Autobahnfahrt geht weiter und die Lage scheint sich nun endlich zu entspannen: „Sie haben uns nur zum Schein gedroht, angeblich nur zur Sicherheit für uns alle. Degowski hat gesagt, dass sie uns rauslassen, wenn die Polizei weg ist, dass sie uns gar nichts tun wollen, weil wir ihnen sozusagen leid tun. Dass alles blöd gelaufen ist, dass der Polizist in Bremen nicht gekommen ist und dass alles nicht funktioniert hat. Da könnt ihr gar nichts dafür. Wir wollen euch gar nichts tun, ihr seid noch viel zu jung, um zu sterben“, so erzählt Ines hinterher von diesem Moment.

 

Die Stimmung an Bord des BMW ist daraufhin gelöst und alle stoßen mit Dosenbier auf das absehbare Ende der Geiselnahme an.

 

Bei Bad Honnef / Aegidienberg hält Rösner kurz vor Kilometer 38,0 auf der Standspur und lässt ein Auto vorbeifahren. Es ist der Pressefotograf Holger Arndt, der in etwa 200 Metern Entfernung ebenfalls auf dem Standstreifen anhält.

 

Das Sondereinsatzkommando (SEK) der Kölner Polizei hat den Befehl „Zugriff!“ erhalten und braust über die Bergkuppe der leeren Autobahn heran, die ab Siegburg für den Verkehr gesperrt wurde.

 

Silkes große Angst, die sie in einem ihrer Interviews in Köln zum Ausdruck brachte, nämlich dass die Polizei wieder „dazwischenfunkt“, wird Realität. Holger Arndt hat die Aktion des SEK fotografisch dokumentiert.

Autobahn A3, 18.08.1988: Das SEK Köln beendet die Geiselnahme gewaltsam.

Das Fluchtauto hat gerade beschleunigt, da wird es seitlich von einem gepanzerten Mercedes gerammt. Die Autos kommen zum Stehen und es entwickelt sich eine Schießerei zwischen Degowski, der aus dem BMW herausfeuert, und dem SEK, dessen Beamten aus vier Fahrzeugen zurückschießen.

 

Nachdem er das Magazin seines Revolvers leergeschossen hat, erleidet Degowski einen Kreislaufkollaps und hängt wie tot auf dem Rücksitz. Marion Löblich verlangt von Rösner, er soll Silke nach vorne ziehen und ihr die Pistole an den Kopf halten. Rösner, der quer zwischen beiden Vordersitzen liegt, gehorcht und packt das Mädchen an den Haaren.

 

Silke wehrt sich nicht; stattdessen fleht sie in panischer Angst um ihr Leben. Sie schreit immer wieder: „Nein, nein, nicht, nein, bitte nicht!“. Ihrer Freundin Ines Voitle ruft sie zu: „Spring raus, Ines! Spring raus! Geh raus!“

 

„Ich wäre nie rausgesprungen, wenn Silke nicht geschrien hätte. Ihre Schreie waren so fürchterlich, als ob sie gewusst hat, dass sie gleich sterben würde. Ich werde diese Schreie nie vergessen“, erzählt Ines nachher, dabei laufen Tränen über ihre Wangen. „Ich verdanke Silke mein Leben. Sie hat mich gerettet.“ Denn in ihrem Schreien klang zwar etwas Verzweifeltes, aber auch etwas Aufforderndes, als ob sie sagen wollte: „Ich schaffe es nicht mehr! Aber du kannst, du musst es schaffen!“

 

Kurz darauf wird Silke Bischoff durch einen Schuss ins Herz tödlich verletzt. Der Schütze soll Rösner gewesen sein, ob gezielt oder unkontrolliert als Schmerzreaktion, nachdem er von der Polizei in den Oberschenkel getroffen wurde, bleibt bis heute unklar.

 

Als die SEK-Beamten die hintere linke Wagentür des BMW öffnen, gleitet ihnen Silke entgegen. Ihre Augen sind geschlossen, sie ist ohne Bewusstsein und blutet. Zwei SEK-Männer, die als Sanitäter ausgebildet sind, legen das Mädchen vorsichtig auf den Asphalt und versuchen durch Mund-zu-Mund-Beatmung und Herzdruckmassage Silkes Leben zu retten. Dabei stellt einer der Ersthelfer mit Schrecken fest, dass seine Hand, die eben noch auf Silkes Brust lag, nun blutdurchtränkt ist. Er ruft seinen Kollegen zu: „Mein Gott... Notarzt! Sofort einen Notarzt! Das Mädchen verblutet mir unter den Händen!“

 

Etwa zehn Minuten später trifft der Notarzt ein. Kurz darauf werden sämtliche Reanimationsmaßnahmen eingestellt, denn „sie wies mit dem Leben nicht vereinbare Körperzerstörungen auf“, steht hinterher im Protokoll. Im Einsatzbericht der Kölner Kriminalpolizei heißt es nüchtern: „Bei der Leiche handelt es sich um eine ca. 18 Jahre alte weibliche Person, die 172 cm groß ist. Sie hat bis zu 50 cm langes, gesträhntes, glattes Haupthaar. Die linke Hälfte der Brust ist mit Blut verschmiert.“ 

  

Silke Bischoff ist tot. Sie wurde nur 18 Jahre alt.

 

Wenigstens kam der Tod schnell und sie musste nicht leiden. Aber das hat sie zuvor schon mehr als 20 Stunden getan.

Autobahn A3, 18.08.1988: Die tote Silke Bischoff wird zugedeckt.

Bewertung des SEK-Zugriffs

 

Der Kommentar eines GSG-9-Beamten nach der missglückten Geiselbefreiung:

 

„Die letzte Aktion auf der Autobahn, die Silke Bischoff das Leben kostete, war überhastet und konfus, der Einsatz der Blendgranate völliger Unsinn. Eine Todsünde, dass sich die Polizei auf ein auf Distanz geführtes Feuergefecht einließ. Dies war bei der bekannten Sitzordnung in dem Fluchtauto allein schon eine tödliche Bedrohung der Geisel. Dass das zweite Mädchen mit dem Leben davonkam, ist fast schon ein Wunder. Bei einem Planspiel auf einem Anti-Terrorismus-Seminar hätte es für so viele gravierende Fehler eine glatte Sechs gegeben. Die Polizei hat mit ihrem dilettantischen Verhalten die ganze Branche bis auf die Knochen blamiert.“ 

 

Im Bericht des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses des Landtags von Nordrhein-Westfalen vom 14.12.1988 ist zur Behauptung, der Zugriff auf der Autobahn hätte nicht durchgeführt werden dürfen, weil das Risiko des Zugriffs zu hoch gewesen sei, auf Seite 135 folgendes zu lesen:

 

Das Risiko eines Zugriffs auf der Autobahn auf ein stehendes oder nur langsam fahrendes Fahrzeug war zunächst einmal erheblich geringer als der Zugriff in einer belebten Innenstadt, der von Kritikern ebenso gefordert wurde. Die Situation ist relativ überschaubar. Man hat es nur mit den im Auto sitzenden Personen zu tun. Die Zugriffskräfte waren bereits seit einiger Zeit alarmiert und in Position gebracht worden, so dass ein Zugriff relativ schnell eingeleitet werden konnte. Bei dem Rammversuch auf das stehende Auto handelte es sich um eine Standardsituation, die von den SEK ständig geübt worden war. Insofern war das Risiko kalkulierbar, jedenfalls erheblich geringer als die vorher geforderten Zugriffe in der Wuppertaler oder Kölner Innenstadt.

 

Das Restrisiko, das für die Geiseln (wie auch für die Polizeibeamten) verblieb, wurde in Kauf genommen, da eine erneute Situation wie in Köln eine ungleich höhere Zahl von Personen erneut in Gefahr gebracht hätte.

 

Es bestand die Gefahr, dass die Täter irgendwann die Nerven verlieren würden. Die an den Hals der Geisel Silke Bischoff gerichtete Pistole in der Kölner Innenstadt zeigte, dass das Leben der Geiseln akut bedroht war. Die Zugriffsüberlegungen beruhen auf einer Rechtsgüterabwägung unter Zugrundelegung erprobter polizeilicher Techniken.

 

Der Zugriff war unter polizeitaktischen Gesichtspunkten eine lösbare Aufgabe, unter rechtlichen Gesichtspunkten verhältnismäßig.

 

Auf Seite 285 des Berichts wird folgendes festgestellt:

 

Angesichts des öffentlichen Auftritts der Geiselgangster in der Kölner Fußgängerzone war die Einsatzleitung in Köln entschlossen, die Geisellage auf jeden Fall innerhalb ihrer Zuständigkeit zu beenden. Erst jetzt kam es zu einer nachhaltigen Absenkung der Zugriffsschwelle sowie zu einer Delegation von Entscheidungsbefugnissen über den Zugriff an den Abschnittsleiter Verfolgung bzw. von diesem an den Unterabschnittsführer „Zugriff“.

 

Nachdem zu Beginn des Geiseldramas die Eingriffsschwelle so hoch angesetzt war, dass ein Zugriff praktisch ausgeschlossen war, wurde nunmehr die Zugriffsschwelle durch die Einsatzleitung Köln so abgesenkt, dass entgegen der Darstellung, die der lnnenminister am Morgen des 18.08.1990 [sic! Korrektes Datum: 18.08.1988] vor den Medien in den Niederlanden gegeben hat, sogar ein Todesrisiko für die Geiseln in Kauf genommen.

 

Diese Absenkung der Zugriffsschwelle erscheint weder durch eine erhöhte Gefährdung der Geiseln noch durch eine solche der Allgemeinheit zwingend notwendig gewesen zu sein, so das Resümee auf Seite 238.

 

Der Zugriff des SEK Köln wird später im Urteil des Landgerichts Essen wie folgt bewertet (S. 180 ff.):

 

„Bei der vorzunehmenden Güterabwägung zwischen den geschützten Interessen (zu erwartende Gefährdung von Leben und Gesundheit Unbeteiligter und zunehmende Gefährdung der Geiseln durch die Täter einerseits sowie Gefährdung von Leben und Gesundheit der Geiseln durch den Polizeizugriff) haben die Polizeibeamten im Rahmen eines gerechtfertigten Risikos gehandelt. Natürlich war nicht auszuschließen, dass die Geiseln verletzt oder gar getötet werden. Dennoch durfte die normalerweise im Verkehr zu beobachtende Sorgfalt nach dem Prinzip des überwiegenden Interesses verletzt werden, weil einerseits alle in der konkreten Situation möglichen Vorkehrungen getroffen worden waren, um den deliktischen Erfolg zu vermeiden (vgl. Schönke-Schröder-Lenckner, Vorbem. § 32 Rdnr. 90, 100), andererseits bei Wiedereinfahrt der Täter in bewohntes Gebiet aufgrund ihrer vermuteten Verfassung eine Eskalation gegenüber unbeteiligten Dritten konkret zu befürchten und auch nicht erkennbar war, dass die Geiseln vor Kurzschlusshandlungen der Täter sicher waren, griffe man nicht zu. Dass sich dieses Risiko später im Tode Silke Bischoffs verwirklicht hat, ändert nichts an der Rechtmäßigkeit des Zugriffs.

(...)

Wäre, was im Zeitpunkt des konkreten Zugriffbefehls nicht abzusehen war, Rösner mit dem Täterfahrzeug nicht gerade in dem Augenblick angefahren, als die Beamten zum Rammen ansetzten, hätte eine hohe Wahrscheinlichkeit dafür bestanden, dass die Geiseln den Zugriff ohne schweren Schaden überstehen würden.

(...)

Demgegenüber konnte die Polizeiführung nicht sicher sein, dass die Geiseln bei ihrem weiterem Untätigbleiben möglicherweise freigelassen würden. Die Zusage Rösners, die Geiseln nachts irgendwo freizulassen, wenn die Polizei sie nicht mehr verfolgte, im Ausland hinter der Grenze, war der Polizeiführung nicht bekannt; es handelte sich im Übrigen, wie auch schon den Geiseln Blecker und Alles gegenüber, nur um eine Ankündigung, nichts Bindendes.

(...)

Angesichts der Tatsache, dass ein Ende der Geiselnahme bei Nichteingreifen der Polizei nicht absehbar war und dass dadurch die Gefahr für das Leben der Geiseln keineswegs verringert worden war, dass andererseits zu befürchten war, die Geiselnehmer würden mit den Geiseln erneut in einen Großstadtbereich einfahren, war der Zugriff durch die SEK-Einheit auch den Geiseln gegenüber trotz aller damit verbundenen Gefährdung ermessensfehlerfrei und verhältnismäßig.

(...)

Eine Verengung der Entscheidung in der Wahl der Mittel zum Schutz des Lebens dahingehend, das der Zugriff zwingend geboten war, lag allerdings nicht vor; Die Polizeiführung hätte sich in ihrer furchtbaren Lage auch gegen einen Zugriff zum gegenwärtigen Zeitpunkt entscheiden kennen, ohne ihre polizeilichen Pflichten zu verletzen. Der Zugriff wird aufgrund dieser Überlegungen jedoch nicht rechtswidrig. Es ist auf die Lagebeurteilung zum Zeitpunkt des Zugriffs abzustellen, aus der heraus die Einsatzleitung mit sachgerechten Gründen ermessensfehlerfrei zur Erteilung des Einsatzbefehls gelangt ist (vgl. auch BVerfGE 46, 160 ff, Schleyer-Fall).“

Autobahn A3, 18.08.1988: Silkes Leiche wird in einen Zinksarg gelegt.

Als der SEK-Einsatzleiter später im Düsseldorfer Landtag über die Aktion Rede und Antwort steht, weint er und gesteht: „Damit werden wir nicht fertig.“ 

 

Warum das schlechte Gewissen und diese Betroffenheit? 

 

Werden sie nicht damit fertig, weil

  • während eines SEK-Einsatzes eine Geisel getötet wurde und die Polizei zuvor das Drama nicht rechtzeitig beendet hat, trotz zahlreicher Gelegenheiten?
  • Oder weil während eines SEK-Einsatzes eine Geisel von einer Polizeikugel getötet wurde? Der BMW hatte 62 Einschusslöcher. 

Beides scheint zunächst möglich.

 

 

Wer hat Silke erschossen?

 

Die Obduktion der Leiche ergibt, dass der tödliche Schuss auf Silke Bischoff von vorn abgegeben wurde, wo Rösner und Löblich lagen. Der Schusskanal, so die Autopsie, zieht sich „von der linken vorderen Brustwand durch die linke Lunge, das linke Herz, die rechte Lunge“, das Projektil blieb im Rücken, wenige Millimeter unter der Haut, stecken. Laut Obduktionsbefund starb das Mädchen „an den Folgen eines Lungen- und Herzdurchschusses mit massivem Blutverlust“. 

 

Im Schusskanal finden die Pathologen Metallteile. Möglicherweise stammen sie von Silkes Armbanduhr, die das Projektil zuvor durchschlagen hatte, als das Mädchen ihre Arme schützend vor den Körper hielt.

 

Eine andere Möglichkeit ist, dass es Metallsplitter des BMW sind, denn auf dem Körper der Toten wurden gleichfarbige Lackteilchen gefunden.

 

Sollte die tödliche Kugel tatsächlich zuvor das Autoblech durchschlagen haben, kann sie nur von der Polizei stammen.

Der BMW wurde auf der linken Seite, wo Silke saß, von Kugeln durchsiebt.

Der Bericht des Polizeipräsidiums Köln vom 29.09.1988 vermerkt zum tödlichen Schuss auf Silke Bischoff folgendes (IM Heft 38, S. 46):

 

„Dieser Schuss wurde nachweislich aus der Waffe des Täters Rösner, vermutlich von diesem selbst, abgefeuert. Ein eindeutiger Sachbeweis steht derzeit noch ebenso aus wie ein Geständnis Rösners. Nach dem derzeitigen Ermittlungsstand wurden aus dieser Waffe bei dem Feuergefecht mindestens ein, höchstens zwei Schüsse abgegeben.“

 

Der Parlamentarische Untersuchungsausschuss des nordrhein-westfälischen Landtages kommt bezüglich des Todes von Silke Bischoff in seinem bereits oben zitierten Bericht zu dem folgenden Ergebnis:

 

„Die Behauptung des Degowski, der auf Silke Bischoff abgegebene Schuss sei der angreifenden Polizei anzulasten, weil es sich hierbei um eine „nicht mehr willentlich gesteuerte Schmerzreaktion Rösners“ gehandelt habe, wird durch das Ergebnis der Ermittlungen nicht erhärtet. Die Staatsanwaltschaft stützt sich bei ihrer Wertung im Wesentlichen auf die Feststellungen des Prof. Dr. Sellier, wonach der tödliche Schuss aus einer Entfernung zwischen zehn und fünfzehn Zentimetern abgegeben wurde, sowie auf die Tatsache, dass die festgestellten Schmauchspuren an den Händen des Rösner auf ein beidhändiges Halten der Waffe bei der Schussabgabe hindeuten.

 

Hier muss hinzugefügt werden, dass auch der weitere Inhalt der Ermittlungsakten gegen die angenommene Schmerzreaktion sprechen. In seiner polizeilichen Vernehmung vom 23.08.1988 hat Rösner den Zustand der Waffe so beschrieben, „dass der Hahn gespannt war, der Sicherungsflügel aber gesichert war“ (StA Essen 70 Js 515/88 Band I.17 Bl. 211). Er muss die Waffe also bewusst entsichert haben. Ein ungewollter Reflex scheidet aus.“ 

 

Der Parlamentarische Untersuchungsausschuss stellt also fest, dass Silke von Rösner vorsätzlich erschossen wurde; der Schusskanal sowie die Entfernung, aus der der Schuss abgegeben wurde, sprechen für diese Version.

 

Später im Prozess vor dem Landgericht Essen versucht der Vorsitzende Richter Rudolf Esders akribisch, die genauen Umstände von Silkes Tod zu ermitteln. Das Schwurgericht kommt schließlich zu dem Ergebnis, dass

  • Silke Bischoff durch einen Schuss aus der Pistole Rösners „Colt Government“ getötet worden ist,
  • Rösner diesen Schuss selbst abgefeuert hat,
  • nicht ausgeschlossen werden kann, dass Rösner versehentlich geschossen hat.

Das im Körper von Silke Bischoff gefundene Projektil stammt mit allergrößter Wahrscheinlichkeit aus der Waffe Rösners; es handelt sich um ein 9 mm Parabellum-Geschoss der Marke Geco mit sechs durch die Verfeuerung im Linksdrall aufgeprägten Felderspuren. Die Waffen der Beamten hatten sämtlich Läufe mit Rechtsdrall.

 

Für das Gericht gibt es auch keinen Zweifel, dass Rösner den Schuss auf Silke abgefeuert hat. Der Angeklagte bestreitet zwar im Prozess, seine Pistole auf Silke gerichtet zu haben, jedoch sahen am Zugriff beteiligte SEK-Beamte, dass Rösner zwar zunächst die Pistole auf die linke Wagenseite, dann aber zwischen den Vordersitzlehnen nach hinten, also in Richtung auf Silke Bischoff hin richtete. Die Sachverständigen Prof. Dr. Sellier und Prof. Dr. Wehner haben mit einer Puppe aufgezeigt, dass der tödliche Schuss aus einer von vorn nach links hinten gerichteten Waffe, so wie Rösner seine Waffe hielt, abgegeben worden sein kann.

 

Für Rösner als Schützen spricht auch die Überzeugung des Gerichts, dass die Verletzungen am Unterarm und am Oberkörper von Silke Bischoff durch einen einzigen Schuss hervorgerufen worden sind: Ein Sachverständiger des Bundeskriminalamts (BKA) hat neun von zehn der im Schusskanal von Silkes Körper gefundenen Metallteile untersucht und diese allesamt Werkteilen oder wenigstens Materialien einer typgleichen Armbanduhr, wie sie Silke trug, zuordnen können.

 

Die Schussbahn durch den linken Unterarm in die Brust erklärt sich damit, dass Silke den linken Arm als Schutz vor die Brust gelegt hatte. Dass beim Schmauchspurentest an Silkes rechter Hand deutlich mehr Blei als an der linken gefunden worden ist, liegt nach Überzeugung des Sachverständigen daran, dass sie ihre Arme gekreuzt hielt, nämlich die rechte über der linken Hand.

 

Rösners Waffe wurde zwar auf der Fahrbahn in gesichertem Zustand vorgefunden, doch seine Behauptung, diese Waffe sei während des Zugriffs gesichert und der Hahn nicht gespannt gewesen, so dass er schon deshalb keinen Schuss habe abfeuern können, hält das Gericht für falsch. Ein SEK-Beamter, der die Waffe Rösners später genau anschaute, hat bekundet, der Hahn der Waffe sei gespannt und der Sicherungshebel auf die Stellung „gesichert“ hochgedrückt gewesen. Dies erscheint dem Gericht glaubhaft. Diesen Zustand der Waffe hat auch ein Spurensicherungsbeamter, der die Waffe später untersuchte, bestätigt. Rösner hat nach der Schussabgabe, möglicherweise nur instinktiv, den Sicherungshebel hochgedrückt, ehe er die Waffe aus dem Fenster warf.

 

In die Überzeugung des Schwurgerichts, dass Rösner den Schuss selbst abgegeben hat, fügt sich schließlich auch der Fundort der Hülse auf dem Fahrgastboden links hinter dem Beifahrersitz im Tatfahrzeug. Bei der Haltung der Waffe mit dem Schlitten mehr oder weniger nach unten stimmt der vom Sachverständigen Prof. Dr. Sellier angegebene Auswurfwinkel der Hülse mit dem Fundort überein. Die Hülse wurde nach den Feststellungen des Sachverständigen Dr. Grooß in der Colt-Pistole verfeuert.

 

Darüber hinaus gibt es auch keine Hinweise, dass andere Personen mit der Waffe Rösners geschossen und Silke Bischoff getötet haben könnten. Das Gericht hat deshalb keinen vernünftigen Zweifel, dass Rösner den tödlichen Schuss auf Silke abgefeuert hat.

Autobahn A3, 18.08.1988: Silkes Leiche wird abtransportiert.

Die Beweisaufnahme hat jedoch nicht zur hinreichenden Überzeugung des Schwurgerichts klären können, dass Rösner den Schuss auf Silke Bischoff vorsätzlich abgefeuert hat. Insoweit bleiben begründete Zweifel.

 

Letztlich kann nicht ausgeschlossen werden, dass Rösner den Abzug der Pistole reflexartig betätigte, als ihn der Schuss aus der Waffe eines SEK-Beamten in den Oberschenkel traf. Er hielt seine Pistole nach hinten gerichtet, um die Zugriffsbeamten mit der Bedrohung seiner Geisel zu beeindrucken. Bei gespanntem Hahn war der Abzug seiner Pistole unmittelbar vor dem Druckpunkt. Die Kraft, die dabei zum Abdrücken benötigt wird, beträgt nur wenige Pond, wie ein Sachverständiger ausgeführt hat.

 

Die Strafkammer hat sich selbst davon überzeugt, wie gering der Abzugswiderstand der Pistole ist. Dies war zuvor – auch für den Angeklagten Rösner – zuletzt deutlich geworden, als er die Angeklagte Löblich durch einen unbeabsichtigten Schuss aus seiner Waffe in den Niederlanden in dem Moment verletzte, als er eine Plastiktüte beim Ausladen entgegengenommen hatte, diese Tüte unerwartet schwer war und er dabei den Abzug seiner Waffe reflexartig durchzog.

 

Nach der für das Gericht überzeugenden Darlegung des Sachverständigen Prof. Dr. Sellier ist es problemlos möglich, dass Rösner beim Zusammenzucken infolge des ihn im Oberschenkel treffenden Schusses bzw. aufgrund des nachfolgenden Schmerzes den Zeigefinger am Abzug der eigenen Waffe reflexartig so weit anzog, dass der Druckpunkt überschritten wurde und sich der Schuss löste, durch den Silke Bischoff getötet wurde. Ein SEK-Beamter hat bestätigt, dass Rösner zusammengezuckt sei, als er getroffen wurde.

 

Es kann deshalb nicht ausgeschlossen werden, dass Rösner den Schuss auf Silke Bischoff ohne Vorsatz abgefeuert hat.

 

So wird Rösner am 22. März 1991 aufgrund mangelnder Beweise nicht wegen Mordes an Silke Bischoff, sondern „nur“ wegen Geiselnahme und versuchten Mordes verurteilt: Unter Berücksichtigung seines „Hangs zu Straftaten“ und seines Vorstrafenregisters als Berufsverbrecher zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung.

 

Vor wenigen Jahren wurde bekannt, dass Rösner ein Bild von Silke in seiner Gefängniszelle hat. Kann diese Tatsache als Eingeständnis seiner Schuld und als eine Art Bußritual angesehen werden? Schwierig zu beurteilen.

 

Hans-Jürgen Rösner bestreitet bis heute, den tödlichen Schuss auf Silke Bischoff abgegeben zu haben. In einem aktuellen Interview aus dem Jahr 2018 äußert er sich hierzu wie folgt:

 

„Für den Tod von Silke Bischoff hat man mich verantwortlich gemacht, aber ich sage, dass das nicht der Wahrheit entspricht, dass das Kölner SEK sie auf dem Gewissen hat, dass die Polizei stark manipulierte, um so Beweise gegen mich zu schaffen. Silke Bischoff war eine ganz Liebe, niemals hätte ich ihr irgendwas Zusätzliches antun können, schon gar nicht erschießen! Ein solches Ende hatte diese junge Frau nicht verdient.“

 

 

Abschied von Silke

  

Silkes Familie erfährt von ihrem Tod am Nachmittag des 18. August 1988 im Haus ihrer Großeltern. Silkes Mutter wurde von einer Freundin nach Kattenesch gefahren und auch Onkel Wolfgang Bischoff aus Heiligenrode ist anwesend, er will seine Nichte nach der Befreiung in die Arme schließen. Alle warten mit Hoffen und Bangen auf eine Nachricht von der Polizei über das Ende der Geiselnahme. 

 

Irgendwann sieht Silkes Mutter beim Blick aus dem Wohnzimmerfenster einen schwarz gekleideten Mann mit einer Aktentasche aus einem Auto aussteigen und zum Hauseingang gehen. Sie begreift sofort, was das bedeutet, und sie bricht weinend zusammen. Der Polizeiseelsorger, Pastor Peter Walther, verkündet der Familie die traurige Nachricht und spricht den Anwesenden sein Beileid aus.

 

Als Henrik erfährt, dass seine Silke tot ist, bricht er in Tränen aus und ist untröstlich. Allein in den ersten 48 Stunden nach der Geiselnahme nimmt er drei Kilo ab, weil er nichts mehr essen kann; von 70 Kilo bei 1,83 Meter Größe auf 67 Kilo. Alle Pläne, die sie hatten – die gemeinsame Wohnung, der erste gemeinsame Italien-Urlaub – sind zerstört und vor ihm liegt jetzt nur noch eine gähnende Leere. „Sie wird mir so fehlen“, sagt Henrik kurz nach der Tragödie und weint.

 

Wenige Tage nach Silkes Tod gibt ihr Stiefvater die folgende Erklärung ab:

 

„Wir wollen keine Rache. Wir wollen nicht die einfachen Polizisten an den Pranger stellen. Aber all die Verantwortlichen, die unsere Silke in den Tod geschickt haben – sie müssen bestraft werden. Der Tod unserer Tochter darf nicht umsonst gewesen sein. Eine so dilettantische Polizeiaktion darf es nie wieder geben. Silke musste sterben, weil Politiker und Beamte versagten. Sie verhielten sich nicht wie Profis, sondern wie aufgescheuchte Hühner.

 

Die Polizei wusste, dass Silke von Anfang an in höchster Lebensgefahr war. Degowski hatte sie als Geisel ausgewählt, weil sie so hübsch war. Immer wieder drückte er Silke den Revolver gegen die Schläfe, an die Kehle. Jeder konnte sehen: Wenn die Verbrecher in Bedrängnis kommen, wird Silke als erste sterben.

 

Warum wurde sie nicht gegen einen Polizisten ausgetauscht, wie die Verbrecher es vorgeschlagen hatten? Warum ließ man die Gangster nach dem Stopp in Köln nicht erst mal unbehelligt? Sie hätten Silke sicherlich freigelassen.

 

Der Tod unserer Tochter war bei der Befreiungsaktion einkalkuliert. Auch das ist ein Verbrechen. Deshalb klagen wir die Schuldigen an. Nur eines wollen wir nicht – Silke zur Märtyrerin machen.“

 

Die Obduktion von Silkes Leiche erfolgt noch am Abend des 18. August 1988 in der Rechtsmedizin der Universität Bonn. Am nächsten Tag wird sie nach Bremen überführt und im Bestattungsinstitut Schumacher geschminkt in einem offenen Sarg aufgebahrt. 

Bremen: Die aufgebahrte Silke Bischoff.

Vor der Beerdigung wollen die Großeltern und Eltern ihr Kind noch einmal sehen. Großvater Heinrich Bischoff wird dort von seinen Gefühlen übermannt und er verspricht dem toten Mädchen, dass es nicht umsonst gestorben ist: „Ich werde alles tun, damit die Schuldigen bestraft werden – auch die verantwortlichen Polizeibeamten und Politiker!“

 

Der alte Mann streichelt seinem Enkelkind über die Wangen, dann reißt er sein Foto aus seinem Schwerbehindertenausweis und legt es auf Silkes Herz. Ein Onkel fotografiert Silke zum letzten Mal, dann wird der Sarg geschlossen.

 

Am 23. August 1988 findet auf dem Friedhof von Heiligenrode die Beisetzung von Silke Bischoff in aller Stille und im engsten Familienkreis statt. Ein paar Dutzend Angehörige und Freunde haben sich in der kleinen Dorfkirche eingefunden. Auf dem Altar zwischen den Blumen steht ein Bild der Toten. Die Großeltern Heinrich und Helene Bischoff sowie Silkes Mutter und ihr Stiefvater sitzen in der ersten Reihe. Ines Voitle hat mitten in der Trauergemeinde Platz genommen.

 

Pastor Stefan Riemenschneider hält die Andacht. Er zitiert aus Psalm 77 und sagt dann: „Das Leben von Silke Bischoff bestand aus mehr als aus diesen schrecklichen Tagen, die das ganze Volk im Fernsehen verfolgt hat.“ Anschließend spricht er über ihr Leben und über „diesen scheinbar sinnlosen Tod, der so deutlich Schuld erkennen lässt. Herr, wir bitten Dich für die Täter, dass sie erkennen, was sie angerichtet haben. Wir bitten Dich für die Polizisten und alle anderen, die in dem schrecklichen Geschehen Verantwortung zu tragen hatten und mitschuldig geworden sind: Lass sie uns nicht verdammen. Aber mach Du sie bereit, zu ihrer Schuld zu stehen.“

Friedhof Heiligenrode: Das Grab von Silke Bischoff wenige Tage nach der Beerdigung.

Unter dem Läuten der Kirchenglocken folgt dann die kleine Trauergemeinde Silkes Sarg zu dem ausgehobenen Grab. Es regnet. Ganz hinten geht ein mittelgroßer Mann mit gesenktem Kopf, den nur wenige der Trauergäste kennen. Es ist der Bremer Kapitän Peter M., Silkes Vater. 

 

Dieser Tag der Trauer ist der schlimmste Tag im Leben von Ines Voitle: Tief erschüttert steht sie am offenen Grab ihrer Freundin und muss Abschied nehmen. Seither hat sie das Grab nie wieder besucht. Es tut einfach zu sehr weh.

 

Noch Wochen nach Silkes Beerdigung hängt ein Zettel am Mitteilungsbrett der Kirche von Heiligenrode. Darauf steht in kleiner Kinderschrift: „Lieber Gott, warum hast du Silke Bischoff nicht beschützt? Warum nicht? Sie war doch erst 18 Jahre alt. Ich bin von dir enttäuscht. Elke, 13 Jahre.“ 

 

Am 1. Jahrestag der Geiselnahme ist Silkes holzgetäfeltes Zimmer noch völlig unverändert. Die Zeit ist dort am 17. August 1988 stehengeblieben, als sie morgens das Haus verließ und zur Arbeit ging.

 

Für Silkes Großeltern, die beide schwer krank sind, ist der Tod ihrer Enkelin eine Katastrophe. Sie können sich nicht damit abfinden, dass Silke, die sie wie ein eigenes Kind erzogen haben, nie mehr zurückkommt: „Das Haus, den Garten – das alles haben wir für Silke gepflegt. Mit ihr haben wir das einzige verloren, was unserem Leben noch einen Sinn gegeben hat“, sagt ihre Großmutter resigniert.

Bremen: Heinrich Bischoff im verwaisten Zimmer seiner Enkelin.

Heinrich Bischoff verkraftet den Tod seiner Enkelin nicht, er stirbt am 25. Juni 1990 – an gebrochenem Herzen. Durch unzählige Briefe an Polizeibehörden und Politiker hat er immer wieder das Eingeständnis von Fehlern bei dem Zugriff auf der Autobahn und den Rücktritt des nordrhein-westfälischen Innenministers Herbert Schnoor gefordert. Vergeblich. 

 

Seine letzte Ruhe findet Heinrich Bischoff auf dem Friedhof Heiligenrode an der Seite seiner Enkelin Silke, die er so geliebt hat.

Echte Freundschaft

 

In Zeiten der Not wird eine Freundschaft auf die Probe gestellt. Dann zeigt sich, ob sie wirklich etwas taugt.

 

Mein Respekt und meine Hochachtung gilt Ines Voitle, denn sie hätte im Verlauf der Geiselnahme zweimal die Möglichkeit gehabt, sich aus der Affäre zu ziehen:

  • Nach der Verhaftung von Marion Löblich an der Raststätte Grundbergsee war Ines für kurze Zeit unbeobachtet und hätte einfach weglaufen können.
  • Nachdem den Gangstern in Holland die Geiseln ausgingen, hat Degowski darauf bestanden, auf jeden Fall Silke zur Absicherung der weiteren Flucht mitzunehmen. Dort fielen auch die ominösen Worte: „Mit der Silke hab ich noch was vor“. 

Doch weil sie wusste, dass Silke sich in Lebensgefahr befand – Degowski hatte ein Auge auf sie geworfen und bedrohte sie pausenlos mit seinem Revolver – hat Ines sich in diesen Situationen freiwillig wieder in die Gewalt der Gangster begeben. Sie wollte ihre beste Freundin nicht im Stich lassen, denn sie hatte Angst, dass Silke sonst etwas passiert. 

 

DAS ist echte Freundschaft.

 

Im Gegenzug hat ihr Silke mit großer Wahrscheinlichkeit das Leben gerettet, als sie Ines während der Schießerei auf der Autobahn mehrmals zuschrie, sie soll aus dem Auto rausspringen, was Ines dann auch getan hat. So ist sie mit leichten Blessuren davongekommen.

Wie es mit Ines weiterging

 

Die erste Zeit nach der Geiselnahme, die Tage wieder daheim in Bremen, verbringt Ines fast nur zuhause: „Meine Familie hat richtig gut reagiert. Sie haben mich ziemlich abgekapselt von Reportern und dem Drumherum, was alles geschah. Ich habe zwei Wochen nicht gearbeitet und dann fiel mir irgendwie die Decke auf den Kopf. Ich wollte mein altes Leben wieder anfangen, und bin dann halt auch wieder arbeiten gegangen. Auf der Arbeit haben mich natürlich die Kunden darauf angesprochen, und zum Anfang war es ziemlich schwierig, darüber zu reden. Aber so lange sie die Erschießung und das von Silke nicht erwähnt haben, ging es eigentlich.“

 

Ines hat für ungefähr vier Wochen die Hilfe einer Polizeipsychologin. Dann wird die Stelle gestrichen und sie steht mit ihren Problemen alleine da. Es folgen ambulante und stationäre Behandlungen wegen ihrer Depressionen. Ines leidet bis heute darunter, dass sie Silke nicht „Danke“ sagen kann dafür, dass sie ihr damals auf der Autobahn, als die Kugeln durch die Luft flogen, das Leben gerettet hat.

 

Einmal ist ihr Silke in einem Traum erschienen. Als wollte sie sich von ihr verabschieden: „Silke kam auf einem Feldweg auf mich zu. Sie hatte eine Rose in der Hand. Die gab sie mir. Dann drehte sie sich um und war verschwunden. Ich habe sie überall gesucht. Aber ich konnte sie nicht mehr finden.“  

 

Im Jahr 1991 heiratet Ines ihren Jugendfreund und nimmt den Namen Falk an. Sie bekommt eine Tochter. Doch die Ehe hält wegen der immer wieder auftretenden Depressionen nicht allzu lange. Auch lässt sich Ines immer mehr gehen und nimmt etwa 70 Kilo zu. Sie legt sich nach eigener Aussage einen „Schutzpanzer“ zu. Ihr Mann hält das irgendwann einfach nicht mehr aus. Es kommt zur Scheidung.

ZDF, 12.09.2013: Ines Falk bei Markus Lanz.

Heute lebt Ines Falk mit ihrer Tochter in einem Hochhaus in Bremen-Kattenturm, ganz in der Nähe der Gegend, wo Silke und sie aufgewachsen sind. Sie arbeitet immer noch als Verkäuferin in einer Zoohandlung.

 

Das Leben ging weiter.

 

Nur eine Freundin wie Silke Bischoff hat sie nie wieder gefunden.

 

„So etwas gibt es nur einmal im Leben“, sagt Ines heute.

 

 

Schlussworte

 

Was bleibt, sind viele Fragezeichen: Warum nur hat sich Silke einige Monate vor der Geiselnahme die Haare blond färben lassen? Ob Degowski eine Vorliebe für Blondinen hatte, ist nicht überliefert. Jedenfalls hat, neben ihrem attraktiven Aussehen und ihrem anziehenden Wesen, die Signalfarbe zweifellos dazu beigetragen, dass er im Bus auf sie aufmerksam wurde. Und so nahm das Verhängnis seinen Lauf…

 

Unfassbar bleibt auch, dass nach einer wilden Schießerei auf der Autobahn die drei Geiselnehmer fast unverletzt in die Hände der Polizei geraten (nur Rösner wird von einer Kugel in den Oberschenkel getroffen) und dass ausgerechnet die Geisel Silke Bischoff durch einen Schuss genau ins Herz getötet wird.

 

Da fragt man sich unweigerlich: Was um alles in der Welt hat dieses Mädchen nur getan, dass sich die Mächte des Schicksals dermaßen gegen sie verschworen haben? Warum dieses sinnlose Opfer?

 

WARUM – das steht auch auf Silkes Grabstein. Ohne Fragezeichen.

 

Eine in Stein gemeißelte, zu Gott schreiende Anklage.

 

Diese Tragödie bleibt unbegreiflich, bis zum heutigen Tag. 

Friedhof Heiligenrode, August 2018: Das Grab von Silke Bischoff an ihrem 30. Todestag.

 

 

Silke, du warst sehr tapfer.

 

Ruhe in Frieden.

 

 

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